Jens Reinert

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? –
Zu den raumplastischen Modellen von Jens Reinert

Stellvertretend für die Gesellschaft Bilder vom Leben zu entwerfen – so ließe sich vielleicht ein zentrales Anliegen, ja die eigentliche Tätigkeit des Künstlers generell formulieren. Die Bilder, die wir vom Künstler erhalten, können durchaus an unsere eigenen erinnern – an Bilder, die wir täglich sehen, über die wir aber vielleicht nicht unbedingt nachdenken. Vor Augen habe ich dabei den Künstler, der exemplarisch Dinge tut, die in uns allen angelegt sind, die, rational und emotional, als das Ähnliche oder auch Verschiedene unser Sein und Dasein bestimmen. Vielleicht rührt ja die rätselhafte Kraft der Bilder nicht zuletzt daher, dass sie das, was sie darstellen, zugleich still stellen. Sie halten das Leben an und erlauben so, diesem gegenüber eine Haltung einzunehmen, die es im Leben selbst so nicht gibt. In ihrer Anwesenheit stehen die Bilder für eine genuin bildliche Eigenschaft: sie geben etwas zu sehen, was nicht anwesend ist. Die plastischen Arbeiten von Jens Reinert sind in gewisser Weise zu diesen stillgestellten Bildern zu rechnen. Sie bieten sich dem schauenden Auge dar und liefern einen Sinn, den nur Bilder mitteilen können. Dieser entsteht durch die Sichtbarkeit des Bildes und betrifft die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Die eigentümliche Kraft von Reinert’s Arbeiten rührt vielleicht daher, dass sie das Sehen selbst zum Thema haben. Der Künstler hat Bildwerke geschaffen, die nicht nur sichtbar sind und nicht nur sichtbar machen, sondern die Sichtbarkeit als solche mit sichtbar machen.

Dem Betrachter der Raum-Modelle von Reinert wird dabei eine prozesshafte Wahrnehmung durch ein Abtasten mit dem wandernden Auge abverlangt.

Unweigerlich treten die dargestellten Räume in einen spannungsvollen Dialog mit dem Raum, und, damit verbunden, auch mit der Zeit, in dem sich der Betrachter aufhält und bewegt. Wenn nun die Künstler sich mit diesen Grundkonstanten unseres Daseins befassen, gilt ihre Aufmerksamkeit in erster Linie eben auch den Zwischenräumen zwischen den Menschen. Das Zusammenleben der Menschen zur gleichen Zeit und im räumlichen Bei- und Nebeneinander konstituiert ein kulturelles und gesellschaftliches Ganzes, welches immer wieder neu verhandelt werden muss und einer fortwährenden Ausgestaltung bedarf. Mit ihrer Arbeit versehen die Künstler diesen kontinuierlichen Prozess mit ihren Anmerkungen. Nicht erst in den letzten Jahren, wenngleich doch etwas verstärkt, sind soziale, politische und damit oft ursächlich verbunden auch architektonische und urbane Sachverhalte wieder zum Gegenstand und zum unmittelbaren Bezugsfeld der Kunst geworden. Die gebaute architektonische Umwelt, mit welcher der Mensch auch immer Zeichen für seine Vorstellungen vom Miteinander setzt, sind dabei gleichermaßen den sich verändernden Zeitläufen unterworfen. Der architektonische Umgang mit dem Raum bringt daher immer auch ein je spezifisches Verhältnis zur Zeit zum Ausdruck. Die Modelle der banal erscheinenden Räume und Häuser von Jens Reinert können durchaus als Instrumente zur Erkundung der zeitspezifischen Wirklichkeit angesehen werden, suggerieren sie doch die Möglichkeit einer distanzierten Übersicht über ein freigestelltes Fragment eben dieser Wirklichkeit. Vermeintlich kommt eine Vorstellung von Realismus zum Zuge, die ihren Ausgangspunkt bei einem nüchternen Beobachtungsgeist, gepaart mit einer Anhänglichkeit an das Zeugnis der Sinne nimmt.

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Die Motive, die uns der Künstler als Platzhalter unserer Wirklichkeit in aufgeräumter Form vor Augen führt, sind an Allgemeingültigkeit kaum zu überbieten. Eine pure Auflistung mag als Beleg ausreichen: ‚Drei Türen’, ‚Unterführung’, ‚Treppenhaus’, ‚Tiefgarage’, ‚Zimmer mit Schrank’, ‚Teeküche und Lager’, ‚Dienstraum’ und schließlich die ‚Pförtnerloge’. Alleine die Nennung der Titel ruft in jedem von uns einen kollektiven Bilderfundus aus der allseits vertrauten Bühne des Alltäglichen wach. Es sind jedoch zumeist weniger die puren architektonischen Formen, die in unserem Gedächtnis haften bleiben, als vielmehr Geschehnisse, Begegnungen oder Stimmungen, die wir mit diesen beiläufigen Un-Orten verbinden. Genau hier setzt daher ein leichtes Befremden ein. Was zeichnet diese Orte aus, dass sie uns hier in modellhafter Form präsentiert werden? Kommen sie vielleicht als potentielle Tatorte in Betracht und beziehen daher eine untergeschobene Aufwertung? Möglicherweise ist es gerade dieses fragwürdige Ins-Verhältnis-Setzen zur Erwartungshaltung des Betrachters, auf welchem der eigentümliche Reiz der Arbeiten von Jens Reinert gründet.

Die Position des Betrachters ist die eines dem geschäftigen Treiben entrückten und erhabenen Supervisors. Der Gegenstand der Betrachtung scheint diesem Sachverhalt auf hintergründige Weise nicht in seiner ganzen Tragweite angemessen zu sein. In einer Welt, die seit jeher unter Sinnlosigkeitsverdacht steht, rühren sich Zweifel an unserem Vermögen, das uns umgebende Inventar hinreichend zu entschlüsseln. Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Wie ein Virus schleicht sich das Lapidare in unerwartete Zusammenhänge ein, wo sich Spuren des Banalen durch minimale Formabweichungen als Relikte möglicher Bedeutungen behaupten. Die absichtlich herbeigeführten Störungen von Jens Reinert grenzen mithin leichtfüßig an Sabotage unseres nach Ordnung strebenden Weltvertrauens. Sein Blick gleitet auf der Folie unserer Wirklichkeit entlang und sucht gezielt die Schwachstellen im abgemachten Spiel namens Welt auf, um diese Folie an diversen Stellen zu perforieren, sie auf ihre Durchlässigkeit hin zu befragen. Laut Wittgenstein sind die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge durch Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. Dennoch teilen wir mit eben diesen Dingen den gleichen Raum, unseren Lebensraum. Zur Disposition stehen kunstimmanente Fragestellungen zum Bildraum und zum Raum des Bildwerkes und, damit verwoben, unsere eigene Verortung in dem unsere Existenz konstituierenden Raum.

Harald Uhr 2005

Aus der Einsicht heraus, daß die Wirklichkeit nicht noch einmal erfunden werden muß, daß sie vielmehr selbst modellhafte Bilder liefert, greift jens Reinert auf seinen Streifzügen durch die urbane Umgebung zur Kamera. Bemerkenswerterweise halten die Fotos anstelle auffälliger, herausragender Szenarien eher durchschnittliche, jedem vertraute Orte wie eine Tankstelle, ein Büro, ein städtisches Amt oder auch ein Interieur fest, öffentliche und private Orte, welche austauschbar scheinen und sich klischeehaft dem Gedächtnis eingeprägt haben. Dadurch, daß Reinert den einen real existierenden Repräsentanten festhält, schafft er modellhaft optisch einprägsame Bilder unserer Alltagswirklichkeit. Aber sie sichern eben nicht mehr die absolute Klärung eines Prototyps zu,sondern zeigen jene Brüche auf, die zwischen dem Wirklichen und seiner Wahrnehmung, zwischen dem Vereinzeltenund dem Typischen auftun. Es ergibt sich fast von selbst, daß ein Künstler, der sich diesem Spagat zwischen der Realität und seiner vielfältigen Rezeption aussetzt, interdiziplinär vorgeht. Da die auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten Darstellungen miteinander kommunizieren, zetteln sie quasi einen Disput darüber an, welche künstlerische Methode der Wirklichkeit am dichtesten auf den Versen klebt, sei es die Fotografie, das Modell, die Fotografie des Modells oder gar die Umsetztung des fotografierten Vorbilds mittels der Malerei.

Das Wechselspiel zwischen den Medien bringt letzlich das Mehr an Erkenntnis dessen, was Reinert in seinen Arbeiten anbietet. Denn da führt Reinert etwa eine Pförtnerloge, eine Pausenecke oder ein Amt als puppenstubenhaftes Raummodell vor und stattet derlei öffentliche Räume ebenso wie auch die privaten mit Möbeln und Requisiten individuell aus. Ebenso kurios macht sich die selbe triste, leicht spießige, menschenleere Szenerie im zentralperspektivischen Foto vom gebauten Modell aus. dabei kippt die halb humorige halb traurige Gemütlichkeit des Kleindimensionierten ins Absurde um. Die Ergebnisse beider Darstellungsmethoden leben von der spürbaren Ästhetisierung der realen Vorlage, erreicht durch eine künstliche Stofflichkeit und das tilgen sämtlicher Gebrauchsspuren. Vergleichbare Werte zeichnen die Ölgemälde aus, seien es Gebäude in der Landschaft, Tankstellen oder vereinzelte, stillebenartig arrangierte Objekte; die von dunkel nach hell aufgebaute Malerei umhüllt das Dargestellte mit einem leicht diffusen Zauber von aufwertender Schönheit; möglicherweise ist diese in der Lage ein wenig vom Ding an sich preiszugeben.

Renate Puvogel 2003

From the acquired insight that reality does not need to be reinvented and that it, in itself, supplies prototypal images, Jens Reinert arms himself with a camera on his strolls through the urban landscape. Remarkably enough the resulting photos do not capture striking and forceful scenes, but preferably average places familiar to everyone, such as a filling station, an office, a city department or an interior, i.e., public and private localities that seem interchangeable and that stick in our memory as clichés. Because Reinert in his way catches classic and genuinely existing exponents, heproduces optically memorable images of our everyday reality. But, in fact, they no longer ensure the absolute exposition of a prototype, but show the discontinuity that has opened up between what is real and our perception of it, between the sporadic and the typical. It is almost given that an artist who exposes himself to this kind of bridge between reality and its diverse forms of reception must proceed in an interdisciplinary way. Since the depictions are based on different levels that comunicate with each other, they forment a dispute on which artistic methods stick closest to reality´s heels, whether it is photoraphy, scale models, the Photography of the model or even the conversion of the photographed subject into painting.

In the end the interchange between the media brings about that increase in awareness that Reinert offers us in his works. For reinert makes, say, a gatekeeper´s lodge, a coffee-break niche or an official department into a dollhause-scale model and furnishes these public aswell as private rooms individually with furniture and props. The same triste, somewhat middle-class, deserted scenario in the centralized-perspective photo taken of the scale model turns out to be just as curious. Meanwhile the half-humorous, half-melancholic coziness of the cutely small-sized shifts to absurdity. The results of both depiction techniques thrive on the tangible aestheticization of therealist subject matter, brought about by means of an artificial materiality and the erasure of any trace of use. The merits of his oil paintings a comparable, wether of buildings in a landscape filling stations or single objekts arranged like a still live. A painting style, which builds up from dark to light, envelops what it portrays in the slighty diffuse charm of reevaluated beauty. And it is possibly this that is capable of revealing the thing per se.

Renate Puvogel 2003